Die Evangelische Kirchengemeinde
Berlin Hohenschönhausen/Nord
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Auf ein Wort.

Wir predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind. 1.Kor 1, 23+25

Liebe Gemeinde!
Wer sich mit komplizierten Beziehungen beschäftigen will, der richte derzeit seinen Blick auf das Verhältnis von Staat und Religion:
Lehrerinnen mit Kopftüchern in Berlin, Kreuze in Amtsstuben von Behörden in Bayern, und bundesweit die Frage nach der Anstellung von Menschen ohne Kirchenzugehörigkeit durch die Einrichtungen von Kirche und Diakonie – derzeit knistert es ganz schön im Gebälk – da gibt es eine Menge Ärgernisse, und vermutlich ist der bayrische Vorstoß eher als Torheit zu bewerten.

Unsere Verfassung schreibt die Trennung von Religionsgemeinschaften und Staat vor, die Verhältnisse zwischen beiden werden durch Verträge geregelt. Das ist gut so, denn weder sollten die Religionsgemeinschaften mitregieren, noch sollte der Staat den Religionsgemeinschaften in ihre Glaubensangelegenheiten hineinreden. Das heißt zwar, dass man einander auf partnerschaftlicher Ebene beraten darf, das heißt jedoch, dass Entscheidungen unabhängig voneinander gefällt werden, beim Staat in staatlichen Angelegenheiten im Parlament, bei Religionsgemeinschaften in religiösen Fragen von deren Leitungsorganen.

Nun haben Religionen Symbole: Das Judentum z.B. den Davidsstern oder auch die Menora (den siebenarmigen Leuchter), der Islam den Halbmond oder eben das Kopftuch der Frauen, das Christentum vor allen Dingen das Kreuz. Das Kreuz ist ein schwieriges Symbol, weil es nicht auch auf die Auferstehung verweist: Doch wie sollte man ein leeres Grab darstellen? So wurde das Kreuz das Symbol des Christentums, andere christliche Symbole traten weit dahinter zurück. Daher trugen und tragen Menschen als Halsschmuck das Kreuz als einen Ausdruck ihres Glaubens.
Das Christentum und dieses Symbol hat sicher seit der konstantinischen Wende, als das Christentum Staatsreligion wurde, die westeuropäische Kultur geprägt, erst die Weimarer Verfassung 1919 vollzog die Trennung von Staat und Kirche. Der Staat hat sich seither in Fragen der Glaubensüberzeugung (das schließt den Atheismus ein) neutral zu verhalten und darf keine Überzeugung bevorzugen.

Die bayrische Regierung hat vor Kurzem beschlossen, in allen bayrischen Behörden ein Kreuz aufhängen zu lassen. Die Begründung dafür lautete, dass das Kreuz in diesem Fall nicht als religiöses Zeichen zu verstehen sei, sondern als ein Ausdruck bayrischer Identität und Kultur.
Zugegebenermaßen tragen heute natürlich viele Menschen Kreuze, ohne dass sie dem christlichen Glauben angehören – einfach so als ein traditionelles Schmuckstück. Und angeblich sollen wir das Kreuz in bayrischen Behörden vergleichbar verstehen. Nur: Können wir das? Und vor allen Dingen: Können Menschen muslimischer, atheistischer oder buddhistischer Überzeugung das so verstehen? Oder sehen sie in diesem Kreuz nicht doch das religiöse Symbol?
Weil sie das natürlich tun werden, werden sich alsbald Gerichte damit beschäftigen müssen. Dann werden die Kreuze schnell wieder abgehängt, und das ist gut so – denn der Staat hat weder das Recht noch die Pflicht, Kreuze aufzuhängen und damit das wichtigste Symbol des christlichen Glaubens in seinen Dienst zu stellen.

Jesus war ja einer, der dem Staat ein Ärgernis war – nicht umsonst hat man ihn hingerichtet und die Christenheit lange verfolgt. Er hat sich gerade nicht von der Obrigkeit vereinnahmen lassen, er war kritisch und widerständig, was sich z.B. ausdrückte in dem Wort: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“

Wenn das Kreuz in Bayern so wie derzeit benutzt (bzw. missbraucht) wird, geht es um das „Fischen am rechten Rand“, wie man sagt, also darum, Menschen an die CSU zu binden, die sonst vielleicht Parteien noch weiter „rechts außen“ wählen würden. Dieses Ziel rechtfertigt aber nicht die angewandten Mittel: Mit dem Kreuz in dieser Weise Wahlkampf zu machen, widerspricht nicht nur dem, was Jesus gelehrt und gewollt hat, es widerspricht weiter nicht nur dem tiefen Ernst des Leidens Christi am Kreuz, es widerspricht auch dem Gedanken unserer Verfassung, der zu dienen diese sich christlich nennende Partei angetreten ist.

Das Kreuz ist letztlich Sache derer, die sich zu diesem Kreuz bekennen – dieses Bekenntnis ist unsere Aufgabe als Gemeinde, als Kirche, und vor allen Dingen als Einzelne. Die Unterstützung, die wir vom Staat erwarten, ist die, dass wir unseren Glauben frei ausüben und bekennen dürfen. Mehr soll es nicht sein, und weniger auch nicht. Und diese Freiheit muss der Staat eben für alle religiösen Überzeugungen gewährleisten, nicht nur für unsere.

Liebe Gemeinde, lassen Sie uns (und nicht die bayrische Landesregierung!) die Botschaft vom Kreuz verkündigen – denn zu uns gehört sie!

Es grüßt sie Ihre Pfarrerin Nana Dorn